»Dr. Mabuse, der Spieler« (N. Jaques, 1921)

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

Cover Dr. Mabuse, Bertelsmann Lesering (1961)
Bertelsmann Lesering (1961)

Der Doktor ist enorm.

Der Luxemburger Norbert Jacques schrieb ihn kurz nach Ende des ersten Weltkriegs – Ullstein veröffentlichte seinen Roman Dr. Mabuse, der Spieler 1921. Norbert Jaques, den deutschsprachigen Schriftsteller aus dem benachbarten Großherzogtum, kennt heute kaum einer mehr – seinen Doktor hingegen, selbst rund einhundert Jahre nach dessen Retortengeburt, noch viele (zumindest als Plattitüde).

Der Doktor ist einer jener genialischen Erz-Verbrecher, welche hin und wieder aus den Untiefen der Pupulärkultur hervorbrechen und zum Begriff avancieren. Mabuse besitzt die sprichwörtlichen 1000 Gesichter eines Funès’schen Fantômas, ist neurotischer Schmuggler wie Auric Goldfinger, schart ein Verbrechersyndikat um sich wie Vito Andolini und ist mit den beinahe übersinnlichen Manipulationskräften eines Dr. Caligari ausgestattet.

Dieses herrlich überzeichnete Überwesen (2x über) rührt in dem großen glosenden Schwefeltopf der frühen Weimarer Republik und nutzt alle Schwächen des kollektiven Kriegstraumas aus, um sich letztendlich mit den nötigen Reserven an Macht und Kapital ein eigenes Utopia als brasilianische Kolonie aufzubauen, in welchem er als Souverän herrschen würde: dies der Plan seines Lebenswerks. Die große depressive Stimmung nach dem großen Krieg trifft in diesem Roman auf die Verstrickungen eines pathologisch kriminellen Psychoanalytikers mit Allmachtsphantasien. Richtig gehört: Inmitten des Verwirrspiels der schwelenden Weimarer Republik ein verbrecherischer Verrückter mit diktatorischen Bestrebungen – wundersame Synergie-Effekte in der Welt der Trash-Literatur. Kein Wunder also, dass die Nazis später einen zweiten Teil, Das Testament des Dr. Mabuse (1933), verboten, in welchem der mittlerweile inhaftierte Wahnsinnige in seiner Gefangenschaft beginnt, Pamphlete zu schreiben, und somit die Welt erneut ins Unglück stürzt.

Für Fritz Lang war die Verfilmung des ersten Romans Jacques’ (1922) sein absoluter Durchbruch. Es folgten darauf noch zwei weitere Mabuse-Filme unter seiner Stabführung. Der erste und der zweite Film Langs sind äußerst sehenswert – der Nachzügler von 1960 (Die 1000 Augen des Dr. Mabuse) mit Gerd Fröbe in der Hauptrolle als Kommissar Jochen Kras eher weniger. Es war der letzte Film Langs – damit begann und endete seine formidable Karriere mit dem wahnsinnigen Doktor.

Ich will nicht schließen ohne ein paar äußerst unnütze wie unseriöse Feststellungen: ein Anagramm des absonderlichen Namens Mabuse ist bemaus bemausen ist ein veralteter Begriff für bestehlen. Ein Anagramm des Namens + akademischem Grad in Abkürzung (Dr. Mabuse) ist Bermudas, was eine mittelamerikanische Inselgruppe ist. Eitopomar lautet der Name von Mabuses geplanter brasilianischer Kolonie – der Begriff sagt uns gar nichts. Ein Anagramm hiervon wäre POEM RATIO – das sagt uns noch weniger.

Joseph Felix Ernst

Kommentare

Kommentar von Philipp Mathes |

Das Dr. Mabuse Cover lässt mich an Walter White denken.

Kommentar von Barbara L. |

Schöner Text.Macht neugierig auf das Buch, Dritz Langs Verfilmungen. Letztere hat man ja immerhin als Fetzen der Erinnerung abgelagert.Lang, der große Intellektuelle, Künstler: klar, so einer schert sich nicht um Grenzziehungen zwischen E und U, der hat seinen eigenen Kanon.Danke an den Autor Joseph Felix Ernst.

Kommentar von Max Martin |

Sei nicht traurig Anabell
deine Tränen trocknen schnell
wie des Zaren letzte Bluse
Küsschen Küsschen Doc Mabuse
(BAADER Holsten knallt am dollsten!)

Kommentar von peter wawerzinek |

na, wenn es mit BAADER losgeht, bin ich gern dabei.

Einen Kommentar schreiben